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Sprache statt Schnuller! Warum hat der Schnuller fast in jeder jungen Familie eine so magische Anziehungskraft für Eltern und Säugling? Er hält das Kind zufrieden und still und schont die Nerven der Erwachsenen. Bis ca. zum 6. Lebensmonat in der Kindesentwicklung sprechen wir vom Säugling. In dieser Zeit wird das Kind saugend ernährt, d.h. es wird gestillt oder bekommt die Nahrung aus dem Fläschchen mit dem aufgesetzten Sauger/Schnuller. Aber dann ab sechs Monaten sitzt das Kind bereits im Stühlchen und die Lage der Zunge bildet jetzt eine Waagerechte zur Senkrechten der (oberen) Wirbelsäule. Die ersten Zähne kommen, die das sichtbare Zeichen dafür sind, dass das Säuglingsalter vorbei ist und das Kind jetzt lernen muss, aus der Tasse zu trinken und mit Löffel die Nahrung aufzunehmen. Aber wie bequem ist es, alle Nahrung aus der Flasche zu geben und einfach das Loch im Sauger zu vergrößern, damit der Nahrungsbrei schneller fließen kann. Nur wenige Mütter wissen, dass sie bereits durch diese Saugflaschentechnik die „besten“ Voraussetzungen schaffen für eine spätere kieferorthopädische Behandlung. Oft bekomme ich nämlich vom Kieferorthopäden Kinder und Jugendliche mit sogenanntem infantilen Schluckmuster überwiesen, wobei die Zungenspitze noch saugend eingesetzt wird. So trinkt z.B. ein 17-jähriger Gymnasiast nicht Schluck für Schluck, sondern lässt den Mund volllaufen und drückt mit einer schlängelnden Zungenspitzenbewegung alles in den Schlund. Die Folge dieses infantilen Schluckmusters ist, dass die Zungespitzenmuskulatur bei diesem Jungen ca. sechzehn Jahre lang einen falschen Druck auf die oberen Schneidezähne ausgeübt und nach vorne gedrückt hat. Wie entsteht dieses infantile Schluckmuster? Wenn man versucht, mit den Lippen und der Zunge die Saugbewegungen mit einem „imaginären“ Schnuller nachzuahmen, so wird man merken, dass nur die ganz vordere Zungenspitze in Bewegung ist und die Flüssigkeit mittels der Lippenmuskulatur in den Mundraum gepresst und dann in den Schlund gedrückt wird. Erst die richtige Schluckbewegung ist ein Entwicklungsschritt, der verhindert, dass Saug-Luft in das Bäuchlein gerät. Diese richtige Schluckbewegung übt das Kind beim Trinken aus der Tasse und beim Essen mit dem Löffelchen. Nun braucht der Mensch diese Mundwerkzeuge nicht nur zum Essen und zum Trinken, als geistiges Wesen braucht er sie auch zum Sprechen. Zur Sprachäußerung braucht er die Zunge, die Zähne, die Lippen und den Gaumen. Denn die Sprech- Sing- und richtigen Kaubewegungen formen bis zu 80% den kindlichen Kiefer harmonisch. Die richtigen Schluckbewegungen übt das Kind nicht beim Saugen, sondern beim Trinken aus der Tasse: d.h., gibt eine Mutter ihrem Kind den Schnuller/den Sauger länger als ca. sechs Monate, so kann sie sicher sein, dass die Zungenspitzenmuskulatur, weil sie falsch „programmiert“ ist, bei den späteren Lautbildungen gegen die oberen Schneidezähne drückt und sogar die Zunge bei den Lauten S Z SCH zwischen den oberen und unteren Schneidezähnen herausquillt. Das Kind spricht dann Sule statt Schule. Es sind dies die Fehlbildungen der S Z und SCH Laute. Wir sprechen dann von einem Sigmatismus und Schetismus. Ist das Kind dem Schnuller entwöhnt, so nimmt es oft sein Däumchen oder auch seine Finger. Die Wirkung dieser Art des Lutschens auf die Kieferbildung und Zungemuskulatur steht dem Schnuller in nichts nach, jedoch meint man, der Schnuller sei ja einer Brustwarze nachgeformt, und deshalb weicher und schade weniger der Kieferformung und der Zungemuskulatur als die härteren Finger. Mancher Mutter mag die Schädlichkeit des Schnullers für die spätere Kieferbildung und falsch programmierte Zungenmuskulatur einleuchten. Dennoch sieht sie sich ohnmächtig ausgeliefert der Gewalt, mit dem das Kind nach dem Schnuller verlangt. Schauen wir auf den seelischen Teil des vehementen Saugbedürfnisses. In den ersten Lebensmonaten schläft der Säugling sehr viel, d.h. er liegt viel. Er ist ganz eingebettet in einen Paradieszustand. Er saugt, er schläft, er schreit. Er erwacht langsam, spielt mit seinen Fingerchen, übt alle Bewegungen mit Lippen, Zunge und Kehle. Plagen ihn aber die Verdauung oder sonstige unangenehme Reize wie Medienlärm und Hektik, oder gar der Streit der Erwachsenen, so schreit es nach dem Schnuller. Denn Saugen heißt wieder im Paradieszustand zu sein. Auch wir Erwachsenen sehnen uns unbewusst immer nach dem Paradieszustand, nur nehmen wir keinen Schnuller, wohl aber Zigaretten, Alkohol, Bonbons, Torten, Schokolade, etc. Die größeren Kinder können heute gar nicht mehr ohne ständig etwas Süßes im Mund zu lutschen auskommen. Mit zwei Monaten schrie mein Sohn auch nach dem Schnuller. Meine Ärztin sagte kategorisch, drei Tage müssen sie das Geschrei aushalten. Nach drei Tagen hatte er sein Gehirn programmiert. Das Leben geht auch ohne Schnuller weiter. Das Saugen wollen ist vielleicht nur ein Bedürfnis des Kindes zur Ruhe zu gelangen, um sich gegen die vielen Reize, die auf es einstürmen, zu wehren. Diese Reizüberflutung kann es so überhaupt nicht verarbeiten. Wir wissen ja, wie stark kleine Kinder „Atmosphärisches“ aufnehmen. Schon ab dem 6. Lebensmonat werden sie mit Spielen und Spielgeräten übersät, im Auto, in den Supermarkt und wer weiß nicht, wohin überall mitgeführt. Wie kann und soll das Kind sich gegen zu viele Sinnesreize anders wehren, als dass es schreit? Das Schreien kann niemand aushalten, also geht der Schnuller ins Mäulchen. Dann plötzlich ist das Schnullersaugen zur Gewohnheit geworden. Das Kind wird süchtig nach dem Schnuller. Meine Beobachtung ist oft, dass Kinder, die mit 3-4 Jahren häufig am Schnuller saugen müssen, eine nicht altersgemäße Sprachentwicklung zeigen. Saugen bedeutet abhängig zu sein. Doch wenn mit ca. sechs Monaten die ersten Zähne kommen, das Kind jetzt kauen lernt, also allmählich festere Nahrung verarbeiten lernt, fängt es auch an, mit seinem Körper immer selbständigere Bewegungsabläufe zu probieren. Bei einer liebevoll umsorgten normalen Entwicklung steht es mit 12-15 Monaten auf seinen eigenen Beinen und kann selbständig laufen. Meine Vermutung ist, dass das Saugen am Schnuller oder am Flaschensauger den Wachstumshormonen Säuglingsverhalten suggeriert und somit Entwicklungsprozesse stagnieren oder verlangsamen können. Was im Mund des kleinen Kindes sein muss, ist nicht der Schnuller, sondern die Laute der Sprache, die es über das Ohr in seinem Munde erschmeckt. Was mit „Erschmecken“ gemeint ist, kann man selber nachprüfen, z.B. wenn man die Laute des Reims spricht. Guten Tag Herr
Gärtnersmann haben Sie Lavendel? Die alten Kinderreime sind für Kinder jeden Alters wirkungsvoll. Ab dem 2. Lebensmonat kann Kinnewippchen gesprochen werden, siehe Sprachbilderbruch Sonne Sonne scheine (Buechershop) . Je größer das Kind dann wird, desto mehr sollte der Kinderalltag wie das Anziehen, Essen, Spielen, Schlafengehen etc. mit dem passenden Kinderreim begleitet werden. Es versteht sich, dass dabei die Wiederholung die Lebensaufbaukraft gibt. Als
Negativbeispiel kann man im Supermarkt oder auf der Strasse
beobachten, dass die Mütter viel zu viel Nutzsprache auf das
Kind abregnen lassen, in dem guten Glauben, das sei liebevolle
Zuwendung: „So jetzt fahren wir schnell nach Hause“.
Nein! Ri
ra rutsch wir fahren mit der Kutsch… wirkt
viel besser! Oder, das Kind bleibt immer stehen und schaut sich
alles an. Dann hört man die Mutter sagen: „Wenn du
jetzt nicht endlich kommst, gibt es keine Bonbons“. Morgens
früh um sechs kommt die kleine Hex ... Kinder sehnen sich danach, Laute zu hören, zu schmecken und sich in der rhythmischen Kraft geborgen und versorgt zu fühlen. Ich arbeite in meiner Praxis seit 15 Jahren mit den Lautbildeschätzen der alten Kinderreime. Das vehemente Bedürfnis nach dem Schnuller ist nicht nur, wie gezeigt, ein Rückzug in den paradiesischen Zustand der „Seinswonne“, sondern vor allem auch ein Machtmittel, Aufmerksamkeit und Zuwendung von den Eltern zu bekommen. Ein Beispiel: Daniel kam mit 4 Jahren in meine Praxis. Er hatte bereits einen starken gekippten Fehlstand der oberen Schneidezähne. Oberkieferlage war schmal, nach vorne gezogen und wenig Gewölbehöhe des Gaumens. Sein Sprachentwicklungsstand entsprach einem knapp dreijährigen Kind. Die Mutter beteuerte hilflos: „Wir haben alles versucht, Daniel den Schnuller wegzunehmen, aber wenn er abends einschlafen soll, schreit er so kreischend, dass selbst die Nachbarschaft leidet. Mein Mann muss früh aufstehen, er braucht dringend seinen Schlaf, aber ohne Schnuller ist Daniel nicht zu bändigen“. Die Mutter meinte sogar, ob ich nicht trotz des Schnullergebrauchs Daniels Lautfehlbildungen richtig anlegen und verbessern könnte. Ich befahl kategorisch: Der Schnuller muss weg! Aber wie? Die Familie besaß einen Weinberg, so sagte ich: „Daniel muss einen Löffel nehmen und ein 1m tiefes Loch für den Schnuller graben, dann den Schnuller hineinwerfen und sämtliche Löffel Erde wieder zurückschaufeln“. Die Mutter sagte: „Aber heute Abend muss er ihn noch einmal bekommen, sonst dreht mein Mann durch“. Sie entschied sich dann zu Oma zu ziehen. Die Oma hatte just einen großen Kachelofen angeheizt und Daniel öffnete die Ofentür und warf den Schnuller hinein. Dass diese Tat von ihm selbst getan wurde, war der erste Schritt zum selbständigen Sprechen. Die Mutter hatte große Angst vor dem Weinbergloch und stupste Daniel in Richtung Ofentüre. Zwei Jahre lang betreute ich Daniel, denn er hatte wie viele langjährige Schnullerkinder gravierende Sprachentwicklungsstörungen, die immer auch mit Bewegungsentwicklungsstörungen verbunden sind. Die Kinderärzte schicken meistens ab vier Jahren Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen zur Logopädie. Bei der Anamnese frage ich die Mutter: „Kaut das Kind?“ „Nein, nicht richtig, es schluckt alles grob herunter“. Dann verordne ich: „Jeden Tag muss das Kind eine gelbe Rübe waschen, putzen, dann abbeißen und kauen“. Darauf sagt die Mutter gewöhnlich: „Ach nein, harte Sachen ist er nie“. Das bedeutet also, eine lange Zeit hat keine ordentliche Kaubewegung der Zähne im Zusammenhang mit der Zunge stattgefunden. Die Folge davon ist, dass die Zungenmuskulatur für die Lautbildungen nicht präzise genug zur Verfügung steht. Leider sind solche Zusammenhänge auch vielen Kieferorthopäden nicht klar. In einem Gespräch mit einem Kieferorthopäden, der Kinder ab dem 7. Lebensjahr aufwärts betreut, vertrat ich meine Erfahrung, dass die frühkindliche Sprachbewegung von Lippen, Zunge, Zähne und Gaumen, die in den Kinderreimen angeregt wird, den kindlichen Kiefer funktional richtig entwickele. Darauf entgegnete er: „Der Mensch stammt vom Affen ab, das Gebiss muss nur für Schnitzelessen tauglich gemacht werden“. Dass frühe Spracharbeit auch auf die Kieferbildung Einfluss hat, leuchtete ihm nicht ein. Die Beobachtung aber zeigt, dass Schnullerkinder häufig nicht richtig kauen. Bei der Nahrungsaufnahme durch den Schnuller (Fläschchen) findet keine Kau- und Schluckbewegung statt, so dass die wichtigen Druckverhältnisse von Zungengrund und oberer Gaumen ausbleiben. Die leibaufbauende Nahrung geht beim Kind durch die Mundorganisation hinein, die leibentwickelnde Kraft der Sprache geht aus dem Mund heraus. So kann der Mund-Nasenraum durch alle beschriebenen Maßnahmen harmonisch lebendig gebildet, aber leider auch durch falsche oder unterlassene Gewohnheiten verbildet und entwicklungshemmend werden.
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